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Gestern war sie noch "Lady Di"

und heute ist sie die "deutsche" Goldie Hawn

Man möchte ihr wohl nicht zu nahe treten und sie für ihr Lebenswerk ehren, deshalb wird Goldie Hawn jetzt während der Berlinale "nur" für ihr 40-jähriges Filmschaffen gewürdigt. Und was hat das mit Heidelberg zu tun, werden Sie sich fragen? Ein bisschen hat das schon mit Heidelberg zu tun, denn heute, Mittwoch Abend, wird die Hollywood-Schauspielerin einen Tag vor der Eröffnung der Filmfestspiele in Berlin bei "Kerner" im ZDF die deutsche Stimme einer Heidelbergerin haben.

Sybille von Mülmann, studierte Dolmetscherin, ist wieder einmal beruflich bei der Kerner-Show als Simultandolmetscherin "gebucht". Das war sie schon öfters und kennt außerdem die "goldige" Hawn und ihren Mann Kurt Russell, der mit zu "Kerner" kommt, schon lange, weil sie ihr schon ein paar Mal die deutsche Stimme "lieh". Trotzdem oder gerade deshalb freut sie sich auf die Aufgabe, die sie "live on tape" leisten muss. Das heißt, dass höchstwahrscheinlich die Sendung kurz vorher live aufgezeichnet und etwas zeitversetzt gesendet wird. "Aber ohne Schnitt oder Ähnliches" gibt sie sich TV-gewandt, denn sie kennt inzwischen das Fernsehleben in- und auswendig, da sie ständig für Simultanübersetzungen im Fernsehen angeheuert wird.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn auch mit der Übersetzung von "Rechnungsabgrenzungsposten" bei Bilanzpressekonferenzen muss sie sich auseinandersetzen - und das alles, obwohl sie in der 10. Klasse Englisch abgewählt hatte... Doch irgendwann erwuchs ihre Beziehung zu der angelsächsischen Sprache - das im Besonderen in Ländern wie Kanada und Schottland.

Als "den spannendsten Beruf, den es gibt" bezeichnet Sybille von Mülmann ihr Dolmetscherleben, und wenn sie erzählt, kann man das nachvollziehen - obwohl der Stress, den man in einer Dolmetscherkabine hat oder wenigstens haben kann, wohl kaum nachvollziehbar ist.

Doch als belebenden Adrenalinausstoß bezeichnet sie das, was wir in ihrem Fall unter Stress verstehen würden. Sie empfindet nicht zuletzt deshalb ihren Beruf als den spannendsten überhaupt, weil sie ständig mit neuen Menschen, Kulturen und Themen in Berührung kommt. Aber auch die trockene Materie macht ihr Spaß, denn: "Man muss sich ins Thema reinversetzen, dann können auch Industriefußböden spannend werden".

Wer so positiv denkt, der wird aber auch mit spannenderen Aufgaben betraut, wie jetzt bei "Kerner" oder sonst bei Gottschalk in seiner Sendung "Wetten, dass...?", bei Jauchs Stern-TV oder, was vielleicht das Fernseh-Highlight ihrer Übersetzungskunst war, mit der Simultanübersetzung des "BBC-Bekenner-Interviews" von Lady Di. Hier lieh sie der englischen "Prinzessin des Herzens" nicht nur ihre Stimme, sondern versuchte auch deren Motivation und Seelenleben über den Äther zu bringen.

Solche gemeisterten Aufgaben "machen einen Namen", so Sybille von Mülmann, und den hat sie inzwischen. Und so pendelt sie Deutschland- und Europaweit zwischen TV, IT und EDV, zwischen Finanzanalysten- und Motivationssitzungen, Investmentseminaren, Fortbildungen und Tagungen hin und her und das immer unter dem Motto: "Dolmetscher sollte man eigentlich nicht merken".

Wie kompliziert so eine Simultanübersetzung ist, kann man als Tagungsteilnehmer oder Fernsehkonsument nur ahnen, denn wer abgekapselt in einer engen Übersetzerkabine sitzt, der ist auf Gedeih und Verderb dem Augenblick ausgeliefert und muss nicht nur Fachbegriffe spontan und fließend übersetzen können, sondern auch Unübersetzbares, wie zum Beispiel Sprichwörter. Das bedeutet, so gut zu sein, dass man das deutsche Sprichwort "Eulen nach Athen tragen" mit dem englischen "Kohlen nach Newcastle bringen" locker übersetzen kann.

von Karla Sommer, erschienen in der Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung / Nr. 32 vom 9. Februar 2005
www.rnz.de mit freundlicher Genehmigung

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