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Digitale Sprachübersetzung: Haben Dolmetscher bald ausgedient?

[...]  Experte in Sachen Sprachkomplexität ist der Konferenzdolmetscher Martin Granacher, der bei hochrangigen internationalen Konferenzen tätig ist und auch Studierende im Simultandolmetschen an der Universität Heidelberg unterrichtet hat. In Deutschland gibt es laut dem Statistischen Bundesamt 47.000 Dolmetscher und Übersetzer. Dass diese bald arbeitslos werden, glaubt Granacher nicht. Denn für ihn ist die Essenz des Dolmetschens und damit das, womit sich der Mensch von der Maschine abgrenzt, nicht zu ersetzen: „Es ist ja nicht das Gesagte, das ich übersetze, sondern das, was der Redner meint. Wichtig ist dabei, dass die Absicht rüberkommt.“ Der Mensch könne das – im Gegensatz zur Maschine – aufgrund seines kulturellen und situativen Verständnisses. Granacher gibt ein einfaches Beispiel: „Wenn zum Beispiel ein Engländer mehrfach hintereinander sagt ‚I am not quite sure‘, dann heißt das nicht, dass er zaudert, sondern er will dann sagen: ‚Ich möchte nicht, lass mich in Ruhe‘. Die wörtliche Übersetzung ‚Ich bin mir nicht sicher‘ wäre daher hier nicht korrekt.“

Und noch etwas kann der Mensch laut Granacher besser als die Maschine: Er nimmt die Art des Sprechens wahr. Dazu gehören Mimik, Betonung, Tempo, Rhythmus und Pausen. Auch hierdurch drückt der Redner aus, was er sagen möchte. Deutlich wird das zum Beispiel bei der Ironie, bei der das Gegenteil von dem gemeint ist, was wörtlich gesagt wird. Granacher erzählt aus seiner Praxis: „Wenn der Redner einen Witz macht, will er, dass die Zuhörer lachen. Und wenn der Witz jetzt zu 100 Prozent korrekt übersetzt ist, aber keiner lacht, dann ist das keine gute Verdolmetschung.“ Das Grundproblem bei der digitalen Übersetzung ist nach Ansicht von Granacher, dass nur Menschen andere Menschen wirklich verstehen und damit korrekt übersetzen können.

Hat er damit recht? Die Forschungsgruppe um Alexander Waibel, Professor für Informatik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ist führend bei der Entwicklung hochleistungsfähiger Programme zur Simultanübersetzung von Vorträgen. Sebastian Stüker ist die rechte Hand von Alexander Waibel, der aktuell an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh, USA, forscht und lehrt [es folgt eine Erläuterung und Demonstration der Einsatzgebiete der Programme des KIT]. Wann wird die Maschine den Menschen auch bei der Übersetzungsqualität einholen? „Vielleicht in zehn Jahren“, sagt Sebastian Stüker. Was er eigentlich damit zu sagen beabsichtigt – und ein Übersetzungsprogramm nicht verstehen würde: „Das kann ich nicht genau sagen.“

von Eckhart Granitza und Johanna Heuveling, erschienen in der Berliner Zeitung vom 11.12.2020
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Berliner Verlag GmbH, Berlin. Auszug mit freundlicher Genehmigung der Autoren und der Redaktion Wissenschaft/Zukunft

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