| Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 29. Januar 2002, Nr. 24 / Seite 58 Westen ohne Wurzeln? |
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| Die "Frankfurter Dialoge 3" über "Subjekt und Identität" [...] Das Schauspiel Frankfurt [hat sich] mittlerweile entschlossen, zwei Simultanübersetzer für die Diskussionsveranstaltung im Foyer zu engagieren und die beiden geübten Konferenzdolmetscher Christine Ewen-Fiedler und Patrick Bauer walteten auch brillant ihres Amtes [...]. Doch der Straßburger Philosoph und Gesprächsleiter Jean-Luc Nancy rang abermals nach Worten, indem er versuchte, sein französisches Denken auf den deutschen Begriff zu bringen. Über "Subjekt und Identität" sprach er diesmal gleich mit zwei Kollegen: Bernhard Waldenfels, Phänomenologe aus Bochum und Kenner der neueren französischen Philosophie, brach eine Lanze für Descartes. Serge Latouche, Philosoph, Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler aus Paris, der sich einst in Afrika genötigt sah, zur Anthropologie zu konvertieren, warnte vor dem Konformismus und Egozentrismus der westlichen Gesellschaften aus lauter vermeintlichen Selfmademen. Der Begriff des Subjekts stecke in einer Krise, konstatierte Nancy zu Beginn des Gesprächs. Ob als ethisch-politisch Handelnder oder als schöpferischer Autor, der westliche Mensch erfahre sich zunehmend in wechselseitiger Abhängigkeit vom anderen und betrachte "die abendländische Ideologie vom freien autonomen Selbst" mehr und mehr als Illusion. In einer Krise sei auch der Begriff der "Identität", fuhr der Philosoph fort. Immer mehr Ansprüche auf Identitäten - ethnische, kulturelle, sexuelle - würden im Zuge der Globalisierung erhoben, wobei der Terrorismus seine Identitätsforderung gegen das "Subjekt" der abendländischen Philosophie richte. Aber: "Gibt es eine Identität ohne Selbstheit?" fragte Nancy. Hier begann Latouche über den "Homo oeconomicus" zu wettern, jenes staatenlose, aber globalisierte "Subjekt", das sich, ohne Kindheit und ohne Freunde, aber dafür erfolgreicher und arroganter denn je, unabhängig und selbstgemacht wähne. Anders die "Subjekte" in Afrika, die in holistischen Systemen lebten und nicht rechneten und verrechneten. Solche traditionellen ganzheitlichen Gesellschaften brächten keineswegs Marionetten, sondern starke Persönlichkeiten hervor, keine "individuellen Serienprodukte", die sich nach Meinungsumfragen richteten wie im Westen, keine Kinder, die sich als Herren der Welt gebärdeten, sich Rechte auf alles anmaßten, weil sie mit dem entsprechenden Anspruchsdenken aufgewachsen seien, statt mit dem Bewußtsein, eine Schuld gegenüber ihren Vorfahren begleichen zu müssen: das Erbe des Lebens. Als Nancy im cartesianischen "Subjekt" den Ahnherrn des rationalistischen "Homo oeconomicus" entdeckt zu haben meinte, ergriff Waldenfels die Gelegenheit, den oft als Egozentriker verkannten Descartes zu rechtfertigen. Das cartesianische "Ich" sei ohnehin nur eine "Performance" und aufgespalten zwischen dem Ich des Sagens und dem Ich des Gesagten, wie ja überhaupt auch "Identität" ein Prozeß sei. Auch sei das berühmte "Cogito" eher als Widerfahrnis denn als aktiv gewollter Gedanke zu betrachten. Auch Nancy war der Ansicht, daß Descartes kein Ego verteidige, sondern als "Sprecher auftrete". Mit Waldenfels war er sich darin einig, daß dieser Philosoph die Bruchstelle des traditionellen Kosmosbewußtseins markiere, als nicht mehr von "der" Ordnung, sondern nur noch von "einer" Ordnung die Rede sein konnte. Doch "kann man den Kosmos wiederherstellen oder neue Wurzeln schaffen für einen neuen Identifizierungsprozeß?" wandte sich der Gesprächsleiter an Latouche. "Aber wir haben doch Wurzeln", entgegnete dieser fast empört. Wurzeln ließen sich nicht instrumentalisieren. Identität ergebe sich vielmehr von selbst, wenn die Schuldigkeit anerkannt und dem Erbe Genüge getan werde. Man eigne sich seine Ursprünge nicht an, man müsse sie verinnerlichen. "Aber nicht verabsolutieren", warnte Waldenfels, und Latouche schloß: "Der Mensch ist nicht schuldig. aber er ist etwas schuldig." c.s. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main |
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